Die „Wiege der Musikerfamilie Bach“

Ministerin Prof. Dr. Dagmar Schipanski eröffnete am Samstag, den 29. 11. 2003, 16 Uhr, die Veit-Bach-Obermühle Wechmar.
Johann Sebastian Bach schrieb 1735 über seinen Wechmarer Ururgroßvater Veit Bach „Er hat sein meistes Vergnügen an einem Cythringen gehabt, welches er auch mit in die Mühle genommen und unter währendem Mahlen darauf gespielet. Es muß doch hübsch zusammen geklungen haben, wiewohl er doch dabey den Takt sich hat imprimieren lernen und dieses ist gleichsam der Anfang zur Musik bei seinen Nachkommen gewesen …“.


Damit ist Wechmar Ursprung der größten Musikerfamilie aller Zeiten und die Mühle des Veit Bach, einst als Obermühle hoch am Fluss gelegen, ist die Keimzelle aller Bachs.


Vorgeschichte

Mitten in Thüringen, dort wo die Fluten der Apfelstädt den höchsten Kirchturm einer Thüringer Dorfkirche umspülen, liegt eine Ortschaft, die nicht nur wegen ihrer großen Sankt Viti Kirche, weit über Thüringen hinaus bekannt ist. Wechmar, heute Teil der Einheitsgemeinde Günthersleben-Wechmar, ist die Wiege der Musikerfamilie Bach und seit dem Jahre 1892 pflegen die Bürger dieses bedeutende Erbe. Damals war es der Böhner-Verein in Gotha, welcher der staunenden Dorfgemeinschaft offerierte, das in ihrem Oberbackhaus die ersten Vorfahren des Komponisten Johann Sebastian Bach lebten. Fortan hing eine Blechtafel über der Tür, die jedem verkündete, diese Bäckerei sei der Anfang aller „Bäche“. Landeskirchenmusikdirektor Erhard Mauersberger und der Wechmarer Lehrer Kurt Ludloff machten Wechmar 1935 mit unzähligen Bachaufführungen zum Mekka der Bachwelt. Das Laienspiel von Schülern, gekoppelt mit dem Auftritt berühmter Künstler, war zur damaligen Zeit ein besonderes Erlebnis. Doch der II. Weltkrieg brachte ein schnelles Ende der Bachpflege und der Wunsch des Kreisrates Gotha, 1950 ein Museum in Wechmar zu schaffen, fand bei den Gemeindevertretern, die täglich neue Probleme mit dem Liefersoll für Lebensmittel und den Wohnungen für Flüchtlinge hatten, sehr wenig Verständnis. Doch die Zeiten ändern sich. Das 1. Gesamtdeutsche Bundestrachtenfest brachte 1994 den Durchbruch. Wo 178 Heimat- und Trachtenvereine aus aller Welt mit ihren 7.000 Mitwirkenden etwa 50.000 Gäste erfreuten, da musste auch ein Museum für die Musikerfamilie Bach vorhanden sein. Seit 1994 entwickelt sich das Oberbackhaus unter seinem neuen Namen „BACH-STAMMHAUS“ als international anerkannte Bachgedenkstätte und seit 1997 auch als Museum der Thüringer Spielleute mit originalen Sammlungen. Nunmehr verfügte Wechmar über die älteste Bach-Wirkungsstätte der Welt.
Seite 2 zur Eröffnung der Veit-Bach-Obermühle Wechmar

Die Entdeckung der Veit-Bach-Obermühle im Frühjahr 2000

„Guckt euch das einmal an, was sind denn das für komische Balken...“ rief einer der ABM-Mitarbeiter, als über ihm schon fast das Fachwerk der Mühle zusammenstürzte. Balken von enormer Größe, mit Lehm verputzt und weißem Kalkanstrich, wurden sichtbar. Einer der Arbeiter meinte „Mensch, das ist aber gutes Brennholz für den nächsten Winter....“. Was war geschehen? Eigentlich wollte die Gemeinde das Mühlengebäude der Obermühle Wechmar erhalten - das Wohnhaus und die Stallanlagen standen zum Abriss. Denn in der Mühle soll der Ursprung der musikalischen Begabung der Bachfamilie liegen und eine kleine Mühle als Schauanlage steht einem alten Bauerndorf stets gut zu Gesicht. Zumal Touristen auf den Spuren zu Bach auch einige Mark ins Gemeindesäckel bringen. Die Handwerker gingen forsch ans Werk. Der Abriss der Mühlengebäude musste schnell laufen, denn in Kürze sollte mit der Straßenverbreiterung begonnen werden, um einen Unfallschwerpunkt in der Mühlenstraße zu beseitigen.

Was tun, wenn in der ehemaligen Wohnstube des Hauses so komische Balken zum Vorschein kommen, die keiner an dieser Stelle abgelegt haben konnte. Was hat es mit den Balken auf sich? Eine Rücksprache mit dem Architekten Friedemann Oschmann und dem Büro für Bauten und Kunstgutforschung Schäbitz/Fuchs/Eberhardt/Schulze in Erfurt ergab: Diese Balken an der Decke und an zwei Wänden gehören zu einer Thüringer Holzstube, auch Bohlenstube genannt. Die Stube stammt aus dem Jahre 1585 und die Bestimmung ihrer Grundfassungen im Erdreich ergab eine originale Holzstube des 16. Jahrhunderts, die 1685 in ein neues Fachwerkhaus integriert wurde. Das Landesamt für Denkmalpflege schaltete sich ein und über kurz oder lang wurde aus dem Abrisshaus ein Kunstdenkmal.

Was ist eine Bohlenstube ?

Wechmar zählt zu den ältesten Thüringer Dörfern und findet schon im Jahre 786 Erwähnung als „villa wehemare“ im Breviarium Lulli. Eine besondere Stellung des Dorfes ließe sich ableiten aus der geografischen Lage direkt an einer alten Handelsstraße und aus der Größe des Besitzes des Klosters Hersfeld, welches schon 975 eine kaiserliche Villikation errichtete, in der Kaiser Otto II. Hoftag abhielt. Eine Grundlage des Reichtums der Bauern bildete die Fruchtbarkeit des Bodens und der Besitz von Wald am Hainberg sowie seit dem Jahre 1002 in der Georgenthaler Flur. Dieser Waldbesitz wiederum ist die Grundlage zur Errichtung herrschaftlicher Gebäude. Neben den 7 Rittergütern gab es sehr frühzeitig freie Höfe und Mühlen. Schon in einer Urkunde aus dem Jahre 1470 wird der Mühlgraben erwähnt, dessen Kraft die Wasserräder der Ober- und der Niedermühle bewegte. Man kann davon ausgehen, dass auf den nahen Waldflächen bei Wechmar Tannen standen und diese wurden als Baumaterial für Bohlenstuben verwendet.
1571 ist die Wechmarer Obermühle im Besitz der Brüder Hans und Wolf Kritzmann, vor Ihnen war Valten Kanngießer Eigentümer der Mühle. Die Mühle in ihrer heutigen Bauform weist mehrere Bauepochen auf, wobei die Bohlenstube von 1585 den ältesten Teil darstellt, der 1685 mit einem Haus im Fachwerkstil der Thüringer Leiter umbaut wurde. Man kann somit davon ausgehen, dass die Brüder Kritzmann die Bohlenstube bauen ließen. Untersuchungen des Landesamtes für Denkmalpflege ergaben, dass es sich bei den Balken bereits um Balken aus einem Sägewerk handelt, somit eine für Thüringen sehr frühe Sägegatterarbeit. Die Bohlen wurden aus Tannenholz gefertigt und weisen fast alle die gleiche Breite und Höhe auf. In der Decke besonders gut erkennbar ein Rauchabzug, um auch das darüber liegende Schlafzimmer heizen zu können. Zwei Wände der Bohlenstube wurden im Jahre 1803 bei einem weiteren Umbau des Hauses verändert.



Das Wohnhaus der Obermühle bestand 1685 im Erdgeschoss aus der Stube und der Küche sowie zwei oder drei Kammern im Obergeschoss. Das Haus war direkt mit der Mühle verbunden und aus alten Urkunden der Jahre 1610-12 kann man lesen, dass der Bader Heinrich Borda sein Badehaus direkt neben der Mühle hatte. Vielleicht wurde dieses Häuschen später abgerissen und in das Mühlengrundstück integriert.
Immer wieder traten Zweifel auf, ob es sich bei der Mühle um eine Zweitverwendung einer Thüringer Holzstube, sprich Bohlenstube handelt. Eine nochmalige Untersuchung der Baukonstruktion und eine dendrologische Untersuchung der Schwellenhölzer ergab, dass die Schwellen- und Auflagehölzer unter dem Fußboden genau dasselbe Alter aufweisen, wie die Balken der Stube und somit ein komplettes Haus des Jahres 1583 bilden, welches 1685 mit einem neuen Haus überbaut wurde.

Veit Bach und die Bohlenstube

Johann Sebastian Bach schreibt über seinen Stammvater Veit Bach, der am 8. Martii 1619 in Wechmar verstarb: „Er hat sein meistes Vergnügen an einem Cythringen gehabt, welches er auch mit in die Mühle genommen und unter währendem Mahlen darauf gespielet. Es muß doch hübsch zusammen geklungen haben, wiewohl er doch dabei den Tact sich hat imprimieren lernen und dieses ist gleichsam der Anfang zur Music bei seinen Nachkommen gewesen..“. Johann Sebastain Bach legt damit selbst den Ursprung der Musikalität seiner Familie in eine Mühle. Veit Bach kam zwischen 1590 und 1600 von „Ungern“ nach Wechmar zurück, er wurde begleitet von seinen Söhnen Hans, dem Spielmann und Caspar. Da alle den Beruf eines Bäckers erlernt hatten, fanden sie Arbeit im Wechmarer Oberbackhaus, dem heutigen Bach-Stammhaus. Dieses gehörte seit 1593 Nicol Eißer. Besitzer der Obermühle war ab 1600 Hans Eißer, ein Sohn oder Bruder des Oberbäckers.
Durch enge verwandtschaftliche Bindungen zwischen den Familien Eißer und Bach ist davon auszugehen, dass Veit Bach in der Wechmarer Obermühle musizierte. Valten Eißer, der spätere Obermüller, lässt seinen Sohn sogar auf den Namen Vitus taufen. Damit ist die Wechmarer Obermühle die Mühle der Musikerfamilie Bach.

Obermühle Wechmar
Die Mühle vor der Sanierung

Aus der Idee einer Restaurierung wird Wirklichkeit!

Die Mühle als Denkmal und diese Mühle durch einen Verein bewirtschaftet - das war die Idee, bevor die Bohlenstube gefunden wurde. Jetzt war das Bauwerk auf einmal mindestens doppelt so groß wie geplant und die Betriebskosten in der Zukunft auch enorm höher.
Wechmar, ein Dorf reich an historischer Bausubstanz und kulturellen Werten - soll sich dieses Dorf noch ein Museum leisten? Das waren die Fragen, die der Gemeinderat zu beantworten hatte. Als Ziel wurde ausgegeben, die alte Obermühle zu erhalten und ohne Mittel aus der Gemeindekasse zu sanieren. Dass die Wechmarer so etwas können, haben sie seit 1998 mit der Restaurierung des Rokokosaales im Landhaus Studnitz bewiesen. Der Wechmarer Heimatverein e.V. und der Förderverein BACH Wechmar e.V. haben sich die Erhaltung auf die Fahnen geschrieben und werden federführend privates Kapital für das Bauwerk anwerben sowie mit dem Verkauf von Mühlsteinen und Bohlenstuben-Splittern Spenden zur Restaurierung einsammeln. Im November 2001 wurden im Rahmen des Bund-Länder-Förderprogramms „Kultur in den neuen Ländern“ die ersten Fördermittel und die Zusicherung einer weiteren Förderung im Jahre 2002 übergeben. Es begann eine öffentliche Ausschreibung und damit verbundene, sehr schwierige Bauphasen, die von vielen Unwägbarkeiten geprägt waren. Ohne den großen Einsatz der Gemeinde Günthersleben-Wechmar, der Mitarbeiter des Bauhofes und der vielen freiwilligen Helfer aus den Vereinen wäre es nicht möglich gewesen, in nur drei Jahren die Restaurierung des Bauwerkes durchzuführen und den Kostenrahmen einzuhalten.
Seite 4 zur Eröffnung Veit-Bach-Obermühle Wechmar

Besonders schwierig war die Einhaltung des Kostenrahmens. Sah nach DIN 276 aus dem Jahre 2000 in der Vorplanung alles so einfach vor, so ergaben sich doch im Bauverlauf immer neue Schwierigkeiten. Da sackte das Fundament des Bauwerkes weg, da trat ein mit kontaminierten Schlämmen verfüllter Wassergraben zu Tage. Die Aufhängungen für das Mühlrad waren so marode, dass das neue Mühlrad nicht eingebaut werden konnte. Fenster, die wir selber aufarbeiteten, zerfielen während der Behandlung. Die Fußböden bröselten unter den Bauarbeiten dahin und brachten große Löcher zum Vorschein. Die Farbanstriche hielten nicht auf dem Untergrund, weil eine Farbe verwendet wurde, die nicht definierbar war. So gab es große und kleine Bauverzögerungen.

Die Restaurierung des Bauwerks bedingte, dass soviel wie möglich originale Bauteile erhalten und wieder verwendet wurden. Dies ist im Baukörper der alten Mühle fast zu 80% gelungen. Obwohl auch hier den Bau schädigende Einflüsse aus den Jahren 1805 und 1940 viel Bausubstanz zerstört hatten, gelang eine Restaurierung und eine Integration der alten Mühlentechnik. Im Obergeschoss des Mühlenwohnhauses musste eine Ergänzung der originalen Substanz vorgenommen werden, weil Schwammbefall und Trockenfäule durch Holzschädlinge die Tragwerkskonstruktion völlig zerstört hatten. Hier ist mit der Gestaltung eines Vortragsraumes eine prächtige Einzellösung gelungen. Gleichzeitig konnte die Mühlentechnik im Dachgeschoss gesichert und der Dachboden der Mühle zu einem Lagerraum für Museumsgut ausgebaut werden. Eine besonders gute Lösung ist dem Architekten durch den Anbau des Sanitärtraktes außerhalb der denkmalgeschützten Altbausubstanz gelungen. Der Anbau ist heute gleichzeitig der Fluchtweg, um eine sichere, den Anforderungen des Brandschutzes entsprechende Nutzung des Hauses zu gewährleisten.

Die Restaurierung der Bohlenstube


Die Restaurierung der Bohlenstube war die schwierigste Teillösung im Rahmen der Maßnahme, weil im Vorfeld nicht abschätzbar war, wie eine Restaurierung gelingt. Nur durch den Einsatz freiwilliger Helfer ist hier die Restaurierung gelungen, denn die sehr zeitaufwändigen Arbeiten hätten jeden Kostenrahmen gesprengt. So kostete die Anfertigung eines zweiten Deckentragbalkens etwa 100 Arbeitsstunden, der Verschluss der Wandflächen nach statischer Sicherung der Wände nochmals 86 Stunden. Das Entfernen von sieben Lagen Wandaufklebungen und Tapeten dauerte insgesamt zehn Wochen. Dabei waren fast täglich zwei Leute damit beschäftigt, die Farben und Stoffe abzulösen und die Balkenlage freizulegen. Besonders die statische Sicherung des Unterbaus mit der Sicherstellung der wertvollen Hauskonstruktion aus dem Jahre 1585 brachten Architekt und Bauherren großes Kopfzerbrechen. Der Einbau eines stilgerechten Kachelofens gelang durch Bereitstellung von Fördermitteln des Landwirtschaftsamtes Arnstadt. Im Erdgeschoss entstand auf dem alten Grundriss wieder ein Küchenraum, in den ein alter Backofen eingebaut werden konnte, der in der Ortschaft Weingarten bei Eisenach zum Abriss stand.


Die Mühle wurde grundlegend saniert


Nutzung des Bauwerks

Ab dem 29. November 2003 steht der internationalen Musikwelt und dem im Jahre 2004 folgenden Jubiläum „500 Jahre Musikerfamilie Bach“ mit der Veit-Bach-Obermühle eine neue Bachgedenkstätte zur Verfügung. Nach Abschluss der Bauarbeiten wird tatkräftig das Marketing für die Bachwirkungsstätten umgesetzt, denn nur Wechmar kann sich rühmen, die ältesten Wirkungsorte der Bachfamilie in der Welt zu besitzen.
 


Dabei wird die Mühle konzeptionell so hergerichtet, dass sie ein idealer Standort für Projekttage von Schulklassen und Touristengruppen werden kann. Im alten Mühlenhaus mit der Mühlentechnik der 40er Jahre kann Mehl gemahlen werden. Dabei sind alte Getreidesorten zu bestimmen, in der Schwarzen Küche können kleine Bäcker am alten Backofen ihre Künste ausprobieren und in der „Guten Stube“, eingefasst von ihren 500 Jahre alten Bohlen, lässt sich am blubbernden Kachelofen Geschichte pur erleben. Der Raum im Obergeschoss wird das größte Tafelgemälde zur Geschichte der Musikerfamilie Bach erhalten. Auf 11 Tafeln und einer Länge von 50 Metern werden 500 Jahre Musikgeschichte in Thüringen lebendig. An der Schultafel können 20-30 Personen sitzen, Unterricht in Musik, Kunst, Religion, Sozialkunde oder in der Unterstufe erhalten bzw. einen Vortrag hören. Im Rahmen der Vernetzung touristischer Ziele kann ein Besuch des Bach-Stammhauses, des Landhauses Studnitz oder der Sankt Viti Kirche angeknüpft werden. Ist der Schüler müde, kann er im nahe gelegenen Heuhotel auf Gut Weidensee eine unvergessliche Nacht unter freiem Himmel verbringen.

Die Baukosten

Insgesamt kann eingeschätzt werden, dass die Restaurierung des Bauwerks nur durch die Bereitstellung von Fördermitteln aus dem Bund-Länder-Programm „Kultur in den neuen Ländern“ gelungen ist. Dabei wurden die Fördermittel auf sparsamste Art und Weise verwendet. Alle Leistungen waren öffentlich ausgeschrieben und die wirtschaftlich günstigsten Bieter haben den Zuschlag erhalten. An der Restaurierung waren ausschließlich Thüringer Handwerksbetriebe beteiligt. Die hohen Eigenleistungen der Vereine und die eingeworbenen Spenden ermöglichten die Sicherung der Eigenmittel der Gemeinde.
Die Baukosten beliefen sich auf 391.969,13 Euro. Die Zuschüsse des Bundes und des Freistaates Thüringen für das Projekt betrugen 255.637,56 Euro. An Spenden konnten etwa 35.000 Euro für die Restaurierung Verwendung finden. Die restlichen Baukosten wurden in Eigenleistung erbracht. Die Gemeinde Günthersleben-Wechmar stellte kostenlos Bauholz, Sandsteine und 120 qm Granitpflaster sowie die Technik des Bauhofes zur Verfügung.

Große Eigenleistungen

Die Stärke der Bürgerschaft in Wechmar ist ihr guter Zusammenhalt und die übergroße Bereitschaft, durch Spenden und freiwillige Arbeitseinsätze ein übermächtig erscheinendes Projekt zu bewältigen. Als am 4. Februar 2000 die Bohlenstube entdeckt wurde, war allen Beteiligten klar - so ein Bauwerk muss erhalten werden. Schon zehn Tage später erfolgte die Ausweisung als Kulturdenkmal von besonderem Wert. Ende des Jahres 2000 erfolgte die Antragstellung im Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst für die Restaurierung des Projektes. Nach Vorlage des Antrages erfolgte eine Prüfung im Ministerium, diese ergab, dass mit so wenigen finanziellen Mitteln die Durchführung des Projektes als unmöglich erscheint. Erst ein Vororttermin am 2. Mai 2001 und die Erläuterungen zum Bauverlauf ergaben, dass Dank großer Eigenleistung das Projekt möglich werden würde. Es wurde ein Bautagebuch geführt, darin sind alle Arbeiten der freiwilligen Helfer erfasst; alle Helfer waren während ihrer Einsätze versichert. Insgesamt waren 111 freiwillige Helfer am Projekt beteiligt. Die Bauarbeiten der freiwilligen Helfer begannen schon im Jahre 2000 und sind bis heute nicht beendet.
Für das Jahr 2001 wurden 2.532 Stunden mit einer Wertschöpfung von 20.572,50 Euro erbracht, im Jahr 2002 waren es mit 7.116 Stunden wesentlich mehr Leistungen, die eine Wertschöpfung von 53.3670,00 Euro ergaben. Somit stehen 9.648 Stunden mit 73.942,50 Euro als Leistungen der Bürgerschaft zu Buche.



Der junge Künstler Lars Schüller aus Günthersleben hat sich dem Thema Bach vor einem Jahr angenommen. Er wird zum Jubiläum „500 Jahre Musikerfamilie Bach“ einen großen Bilderzyklus für die Veit-Bach-Obermühle schaffen, der mit 11 Bildtafeln einen ganzen Raum über der Bohlenstube in ein lebendiges Kunstwerk verwandelt – das Monumentalbild „ Die Familie Bach“. Im Mittelpunkt seines Bildes steht ein Familientag in der Wechmarer Obermühle im Jahre 1688. Heinrich Bach erinnert sich an die Anfänge der Familie und blickt auf das Leben Johann Sebastian Bachs.

Der Bilderzyklus ist das einmalige Kunstwerk eines jungen Menschen, der vor zwei Jahren mit seiner Kunst in die Selbständigkeit ging und sich heute mit 24 Jahren an ganz große Projekte wagt. Etwa 600 Stunden hat Lars Schüller vom Entwurf bis zur Fertigstellung seines Kunstwerkes benötigt. Der Bilderzyklus steht ab 2004 im Mittelpunkt der Konzeption eines Museumsbildungswerkes für Kinder und Jugendliche in der Veit-Bach-Obermühle.

Aus dem Inhalt des Bildes:

„Sie sitzen in der dunklen Bohlenstube, der Rauch des Butzenofens steigt zur Decke und wärmt die Oberstube, wo die alte Hanne krank zu Bette liegt. Leichte Qualmwölkchen trüben den Blick. Männer unterhalten sich, vor den Frauen surrt das Spinnrad, Kinder spielen mit den kleinen Ameisen, die aus den Fußbodenritzen zum Licht empor krabbeln. Die Menschen lachen und scherzen miteinander, denn sie sind alle verwandt, vielleicht auch nur um mehrere Ecken. Plötzliche schrille Töne zerschneiden die Luft, der kleine Sebastian zuckt zusammen auf dem Schoß seines Vaters. Heinrich Bach, der älteste in der Runde, stimmt als erster ein Lied an, er steht auf, fasst kräftig in die Saiten seiner Fidel, während die anderen im Raum hastig versuchen, ihre Instrumente in die richtige Positur bringen. Welch harmonischer Gesang urplötzlich die düstere Stube durchflutet? Es ist Familientag. Die „Bache“, wie sich die Erfurter Turmbläser seit einiger Zeit gerne nennen, kamen aus allen Thüringer Landen und haben sich in Wechmar versammelt. Der Spielmann Hans Lorenz Gläser hat sie eingeladen, denn ihm gehört die neue Wechmarer Obermühle, in der einst Veit Bach auf seinem Cythringen musizierte. Die alte Laute des Müllers Veit Bach hing noch immer in der Ecke, er gab sie einst seinem Sohn Hans und als dessen drei Söhne in den Wirren des 30jährigen Krieges das Dorf verließen, blieb die Laute in der Mühle. Man hatte sie vergessen. Die Rettung des Lebens war wichtiger als die Musik! Hans Lorenz Gläser ist ein Urenkel von Veit Bach, seine Großmutter Margret war die Lieblingstochter des alten Veit und sie hatte Honig in der Stimme, denn ihr Mund ließ Töne schmelzen. Kaum war der große Krieg beendet, lag die alte Mühle in Schutt und Asche. Nur das kleine Holzhaus mit seiner gemütlichen Bohlenstube stand noch verlassen am Mühlgraben. Es dauerte fast vierzig Jahre, bis Lorenz Gläser und jetzt sein Sohn Hans Lorenz die Mühle wieder aufbauen konnten. Es entstand ein schmucker Fachwerkbau mit Stuben und Kammern und direkt daneben am Flusslauf eine Mühle mit zwei Gängen. Während in der Stube ein Lied nach dem anderen erklang, schafften die Hausfrauen und Mädchen ein kräftiges Nachtmahl in den Raum. Kaum war der Tisch gedeckt, sprach Heinrich Bach sein Gebet und die hungrigen Mäuler stürzten sich auf die leckeren Speisen. Es duftete alles so gut und schmeckte noch viel besser. Sebastian, der Jüngste in der Runde, war ein besonders aufgewecktes Bürschchen, das schon auf dem Schoß des Vaters den Ton der Musik wippte und gierig einen Kanten Brot nuckelte.


„Ach, Großvater erzähl uns wieder eine Geschichte, erzähl uns wie es früher war“ rief ein Enkel und der nächste fügte im schnellen Wortlaut hinzu „ Großvater, es ist viel spannender, wenn du in die Sterne schaust und uns die Zukunft deutest!“ Heinrich Bach ließ sich nicht lange betteln. Schon oft hatte er seine Geschichte erzählt und vor seinen Augen öffnete sich der Vorhang in seine Jugendzeit und er sah, wie einst Veit Bach mit Frau und Kindern aus Ungarn wieder nach Deutschland zurückkehrte. Er ließ sich in Wechmar nieder, dort wo schon vor Jahrzehnten die Vorfahren lebten. Hans und Hein Eißer gewährten der Familie Bach gastfreundliche Aufnahme. Vater Hans Bach wurde Bäcker, der auf Kirmesfesten gern den Dudelsack spielte, Onkel Caspar Bach zog es auf den Gothaer Kaufhausturm, wo er als Türmer sein Geld verdiente. „Wir Kinder des Spielmannns Hans Bach erhielten, solange ich mich erinnern kann, täglich musikalischen Unterricht vom Vater, später bei seinen Freunden in Suhl, Schweinfurt und Erfurt. Ich habe bei meinem Bruder Johannes das Spielen gelernt und war erst elf Jahre, als mein Vater an der Pest starb. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ihn die Familie auf den Pesthaufen legte, der jeden Abend auf dem Markt entzündet werden musste. 503 Menschen starben damals, auch meine Mutter ist 1635 diesen Weg gegangen. Wir hatten solche Angst vor Kriegsvolk und diesen schrecklichen Krankheiten, dass wir Schutz in den Städten suchten. Ich glaube, das war unser Glück. Schaut Kinder, heute sind wir 30 Musiker in der Familie und es werden jährlich mehr. Seht nur den kleinen Sebastian an, wie er schon nach der Trommel greift und seinen Vater Ambrosius beim Spiel belauscht“ raunte der Alte zufrieden und saugte genüsslich an seinem Pfeifchen.

„Großvater, was sagen die Sterne“ rief Katharina und Sofie stimmte fröhlich ein „Werde ich bald einen tollen Kantor kennen lernen?“. „Kinder, man kann die Zukunft nur erahnen, was genau passiert, das weiß niemand. Sicher gibt es gute und auch schlechte Tage und ich möchte euch folgendes raten: Lernt einen guten Beruf, eignet euch die Fertigkeiten an, die schon eure Väter kannten und seid besser als wir Alten. Doch vergesst nie, wo ihr hergekommen seid. Wir werden eines Tages nicht nur in Arnstadt und Erfurt bekannt sein, in Eisenach werden wir über einhundert Jahre auf der Orgelbank sitzen, in Ohrdruf als Kantoren wirken, Musiker aus unserem Geschlechte ziehen in alle Welt, sogar bis London und Italien und der kleine Sebastian, er wird uns eines Tages berühmt machen. Seine Tollheiten bringen schon heute die ganze Familie durcheinander, doch ich glaube, er wird eine Gabe besitzen, Gottes Wort in Musik zu fassen und dabei Melodien zu schöpfen, die noch in Hunderten von Jahren erklingen.“ „Vater, das hört sich wie ein Märchen an, lasst uns lieber singen“ sprach Ambrosius und klopfte seinem Vater stirnrunzelnd auf die Schulter, während ein Quodlibet im Raum erschallte.

Ausblick

Mit den zwei ältesten originalen Bach-Wirkungsstätten in der Welt werden die Wechmarer unter dem Namen „Bach-Stammort Wechmar“ ab 2004 für ihre Gemeinde werben. Dieser Name bürgt für die sechs originalen Wechmarer Bachstätten, in denen von 1590 bis 1822 erst die Urväter und später die Kantoren und Pfarrer der Bachfamilie wirkten. Dies sind das Museum im Bach- Stammhaus, die Veit-Bach-Obermühle, das Landhaus Studnitz mit dem wunderschönen Rokokosaal, die Sankt Viti Kirche, die älteste Doppelschule Thüringens und das Gut Weidensee. Der Name „Bach-Stammort“ verpflichtet, er ist lebendige Geschichte auf dem Weg in die Zukunft.

Mit der Veit-Bach-Obermühle Wechmar verfügt die Einheitsgemeinde Günthersleben-Wechmar über ein besonders wertvolles Kulturdenkmal, dessen Schutz im öffentlichen Raum höchste Priorität genießt und dessen Nutzung den Menschen eine Herzensangelegenheit ist.
 

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